Handwerk unter Druck
Krise führt zur Dauerbelastung der Betriebe
Die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfragen beider Handwerkskammern in MV zum 1. Quartal 2026 mit 900 beteiligten Handwerksbetrieben aller Branchen verdeutlichen die zunehmend angespannte wirtschaftliche Lage im Handwerk des Landes. Der Geschäftsklimaindex ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 110,5 auf 101,4 Punkte gesunken. Die durchschnittliche Auftragsreichweite aller handwerklichen Branchen hat sich von 11,9 Wochen im Vorjahresquartal auf aktuell 9,6 Wochen verringert. Gleichzeitig haben rund 45 Prozent der befragten Betriebe rückläufige Umsätze gegenüber dem Vorquartal gemeldet.
Dazu Präsident Axel Hochschild von der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern:
Gab es im Herbst 2025 bei vielen Handwerksbetrieben noch Hoffnung auf eine Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, so wird jetzt der Abwärtstrend in der wirtschaftlichen Entwicklung besonders deutlich. Ursachen liegen vor allem in geopolitischen Unsicherheiten und Kriegen, in steigenden Energiepreisen und fehlenden Reformen der Bundesregierung, die zur Entlastung des Handwerks beitragen. Die Baubranche erwartet außerdem, dass die geplanten Investitionen von Bund und Land jetzt endlich schnell auf die Straße kommen.
88 Prozent aller befragten Handwerksbetriebe verzeichneten explodierende Einkaufs- und Materialpreise (Vorjahr: 75 Prozent). Die Folge: etwa jeder zweite Handwerksbetrieb (47 Prozent) musste die Verkaufspreise anpassen. Diese Kostenentwicklung schmälert die Ertragslage, erschwert die Kalkulation und führt zugleich dazu, dass private wie gewerbliche Auftraggeber Investitionen häufiger zurückstellen.
Stabil zeigen sich hingegen Beschäftigung und Ausbildung. Rund 80 Prozent der befragten Betriebe gehen auch im Ausblick von einer gleichbleibenden Personaldecke aus. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist gegenüber dem Vorjahr gleichgeblieben.
"Im Handwerk sind die Beschäftigten nun mal das wichtigste Kapital der Unternehmen. Bevor Personal abgebaut wird, spart man lieber an anderer Stelle, zum Beispiel bei Investitionen", so Präsident Uwe Lange von der Handwerkskammer Schwerin. Beide Kammerpräsidenten verwahren sich dagegen, "dass Betriebe und Beschäftigte gegeneinander ausgespielt werden. Zum Beispiel, wenn Arbeitnehmern angesichts hoher Spritkosten eine Entlastungsprämie in Aussicht gestellt wird, die aber nicht der Staat, sondern die Unternehmen zahlen sollen". Angesichts der ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage ist die von der Bundesregierung initiierte Entlastungsprämie ohne Einbindung der Tarifpartner aus Sicht beider Präsidenten ein fatales Signal an die Unternehmen. Wieder einmal würden Verantwortung und Finanzierung auf Dritte abgewälzt, kritisieren die Präsidenten. Das sei völlig inakzeptabel.
Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist nach den vorliegenden Umfrageergebnissen weiterhin nicht in Sicht. Um eine Trendwende zu initiieren, müssen entlastende Strukturreformen endlich umgesetzt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit und das Potenzialwachstum zu erhöhen, fordern die Handwerkskammern. Die Lohnzusatzkosten müssten wieder in Richtung 40-Prozent-Marke reduziert werden (aktuell bei ca. 43 Prozent). Zudem seien weniger Bürokratie, eine Absenkung der Steuer- und Abgabenlast, verlässliche Energiekosten und damit mehr als eine temporäre Entlastung beim Tanken dringend notwendige Maßnahmen.
Einzelne Branchen im Überblick
Mit Blick auf die einzelnen Gewerbe zeigt sich die negative Entwicklung in unterschiedlicher Intensität. Im Bauhauptgewerbe fiel die Auslastung zu Jahresbeginn spürbar schwächer aus. Zur enormen Kostenbelastung kommt hier der strenge Winter hinzu. Nur etwa jeder vierte Betrieb meldete eine vollständige Auslastung, während ein erheblicher Teil der Unternehmen deutlich darunter blieb. Gleichzeitig ging die Auftragssituation gegenüber dem Vorjahr merklich zurück.
Etwas stabiler stellt sich die Lage in den Ausbaugewerken wie im SHK- oder Elektrohandwerk dar. Hier berichtete etwa die Hälfte der Unternehmen von einem gleichbleibenden Auftragsbestand, und rund jeder dritte Betrieb konnte eine volle Auslastung erreichen. Das deutet darauf hin, dass insbesondere solche Gewerke, die stärker von Sanierung, Modernisierung und laufenden technischen Anpassungen profitieren, noch vergleichsweise robust aufgestellt sind.
In den Gesundheitshandwerken hat sich die Situation dagegen sichtbar eingetrübt. Kein Betrieb meldete im aktuellen Frühjahr eine vollständige Auslastung, während zugleich die Anteile niedriger Auslastungsgrade deutlich zunahmen. Auch die Auftragslage entwickelte sich nicht positiv. Hinzu kommt ein erheblicher Kostendruck bei Material und Einkauf, der in Verbindung mit nur begrenzt durchsetzbaren Verkaufspreisen die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe zusätzlich erschwert.
In der Kfz-Branche zeigt sich ein gemischtes Bild. Zwar blieb der Auftragsbestand bei mehr als der Hälfte der Betriebe stabil, und der Anteil voll ausgelasteter Unternehmen liegt leicht über dem Vorjahreswert. Auffällig ist jedoch der starke Rückgang der durchschnittlichen Auftragsreichweite von 26 auf 4 Wochen. Gleichzeitig melden die Kfz-Betriebe besonders deutlich steigende Einkaufspreise. Dies zeigt, dass einzelne aktuelle Lagewerte zwar noch vergleichsweise stabil erscheinen, die wirtschaftliche Planungssicherheit jedoch spürbar abgenommen hat.
Die zukunftsfähige Umgestaltung der Sozialsysteme und weitere Anreize für Ausweitung des Arbeitsvolumen und zum Heben der stillen Reserve am Arbeitsmarkt bleiben somit die Forderungen des handwerklichen Mittelstandes in MV.
Hintergrund
900 Betriebe ganz Mecklenburg-Vorpommern beteiligten sich an der Konjunkturumfrage beider Handwerkskammern.
Aktuell zählen 19.371 Betriebe, etwa 112.000 Beschäftigte sowie 5.902 Auszubildende (Vorjahr: 5.875) zum Handwerk im Land. Das Handwerk erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von rund neun Milliarden Euro. Ihm wird etwa 25 Prozent des Ausbildungsmarktes in MV zugerechnet.